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7. Februar 2018 read the game

Was erlauben Strohschein? Analysieren wie Flasche leer!

Jörg Strohschein behauptet, dass die Bundesliga im Dauerpressing erstickt. Dabei gehen laut ihm zunehmend die technischen und spielerischen Fähigkeiten der Spieler verloren. Weiter gedacht leide unter dem kollektiven Ideal des Pressing-Fußballs die Qualität der Bundesliga, so Strohschneider. 

Seiner Analyse ließ Strohschein neben seiner sicher profunden Beobachtungsgabe aufgrund einer jahrelangen Erfahrung im Sportjournalismus jedoch keine Fakten folgen, die dies auch quantitativ untermauert hätten. Hier würden wir von read the game gern anschließen und die aufgestellten Behauptungen beleuchten – und zwar data-driven.  

Kräfte sparen statt Zuschauer unterhalten

Konkret geht Strohschein in seinem Artikel auf den 21. Spieltag ein, um seine beschriebene Problematik greifbar zu machen. Das subjektive Empfinden, dass sich die Bundesligamannschaften gegenseitig mit ihrem Pressing lähmen und somit das kreative Spiel im Keim ersticken, kann read the game mit Daten untermauern. Wir haben erfasst, dass an diesem Spieltag nur 25 % der Tore (5/20) nach einer Offensiven Phase fielen. Das ist der Saisontiefstwert. Zudem fielen 30% der Tore (6/20) nach einem Umschaltverhalten. Lediglich am 12. (31%) und 17. (31%) Spieltag gab es anteilig mehr Tore nach einem Umschaltverhalten. 

Im Detail ging Strohschein auf die Partie von Schalke 04 gegen Werder Bremen ein. Er beanstandet die Attraktivität des Spiels und die Aussage von Schalkes Trainer Tedesco. Hatte der doch offen zugegeben, dass es aufgrund seiner ausgegebenen Taktik legitim war, dass die Schalker nach der Führung nicht weiter auf das zweite Tor spielten, sondern sich zurückzogen. 

Die Devise: Haushalten mit den Kräften. Dem Gegner, der im Rückstand ist, den Ball überlassen und sich an der formierten Knappen-Abwehr aufreiben lassen, bis bei ihm wiederum die Kräfte schwinden. Fehlende Power führt zu Abwehrfehlern und somit zu Möglichkeiten, die Führung auszubauen. 

Mit Malocher-Fußball zurück in die Champions League

Auch read the game rechneten in seiner Spieltagsvorschau zum 21. Spieltag nicht mit einem Offensivfeuerwerk, sondern einem Duell der Bollwerke. Schließlich stellten beide Vereine bis dahin nach dem FC Bayern München und Eintracht Frankfurt mit 25 Gegentreffern die besten Abwehrreihen der Bundesliga. Die Hanseaten hatten zur Winterpause sogar die drittbeste Abwehr in der Liga mit lediglich 20 Gegentoren. 

Während es jedoch bei Werder Bremen in der Hinrunde offensiv erheblich hakte (13 Tore), ackerte sich bei den Knappen Angreifer Guido Burgstaller erfolgreich durch jeden Strafraum. Seine 16 Beteiligungen an 12 der 28 Schalker Saisontore trugen erheblich dazu bei, dass man nach 17 Spieltagen mal wieder vom zweiten Tabellenplatz grüßen und von der Champions League träumen durfte.

Doch nicht nur die vermeintlich sicheren auf Pressing eingestellten Abwehrreihen ließen kein schönes Spiel für den Zuschauer erwarten, sondern auch die Art wie die beiden Teams ihre Tore bisher schossen. Schalke 04 hatte bis dahin die Hälfte seiner Saisontore aus einer Standardsituation heraus erzielt. Allein 7 Tore markierte man vom Elfmeterpunkt, 5 per Eckstoß und 4 per Freistoß. Bei Werder Bremen machen Treffer aus Standardsituationen 44 % (7 Tore) der Tore aus. 

 

Es trafen also zwei Teams aufeinander, die bis dahin bevorzugt nach einem ruhenden Ball und eben nicht aus dem laufenden Spiel heraus zum Torerfolg kamen. Wenn sich etwas aus dem Spiel heraus auftat, dann für Werder im Umschaltspiel nach erfolgreichem Pressing und dann auch nur wenn ihr bester Mann fit war. Max Kruse traf bisher entweder per Standard oder eben im Umschaltspiel.

„Für den Fußballfan ein Offenbarungseid, war es jedoch eine taktisch temporäre Meisterleistung, sich nach der Führung zurückzuziehen und Kräfte zu sammeln. Wie sollte es denn auch einem Gegner gelingen, der praktisch kaum Tore aus dem laufenden Spiel schießt, dies gegen einen dichten Abwehrriegel und einem 0:1 Rückstand zu schaffen?“

Unter solchen Vorraussetzungen ist mitnichten ein attraktives Spiel zu erwarten und so kam es auch. Dass nach erwähnten 24 Minuten und einem glücklichen Führungstreffer die Knappen sogar noch einen Gang zurückschalteten, lässt sich wie von Strohschein subjektiv wahrnehmen und beschreiben. Es lässt sich aber auch in Daten fassen und visualisieren.

Ein Grottenkick zum Nachverfolgen

Das von read the game entwickelte Widget Rhythm präsentiert dem Fan den Spielrhythmus. So kann er live im Stadion oder auf dem Sofa daheim verfolgen, wann es in einer Spiel hektisch zugeht oder sich Raum und Zeit für das Holen einer neuen Gerstenkaltschale eröffnen. Halber Liter, versteht sich von selbst. 

Die erste Halbzeit zwischen Schalke 04 und Werder Bremen blieb fast die gesamte Zeit unter den Erwartungen der Fans, aber auch unterhalb des Bundesliga Durchschnitts des Spielrhythmus. Außer Luft konnten die zwei Pressingmaschinen wenig aus der eigenen Hälfte und den Lungen pressen. Schalke 04 und Werder Bremen sicherten jeweils ihre Hälfte ab ohne sich zu weit in Feindesland zu wagen. So entsteht praktisch keine Torgefahr, aber auch so gut wie keine Möglichkeit für ein schnelles Umschaltspiel nach Ballgewinn bzw. Balleroberung durch Pressing. 

Zauberer und Zufall

Wie bei solch einer Gemengelage trotzdem Tore entstehen? Durch mutige Einzelkönner und mitspielende Zufallsfaktoren. Im konkreten Spiel war es es Yvhen Konoplyanka, der nach einem Sololauf aus 20 Metern auf das Bremer Tor schoss. Der Ball flutschte dem sonst so sicheren Pavlenka durch die Finger und von dort ins Tor (Zufall).  

Das Spiel fiel nach dem Treffer in eine Art Schockstarre, da Schalke 04 kaum noch etwas in der Offensive bewegen musste und Werder nicht die Mittel hatte, um ernsthaft für Torgefahr zu sorgen. Der Zufallstreffer von Konoplyanka war kein Einzelfall am 21. Spieltag. Insgesamt hatten 40 % (8/20) der Tore ein Zufallsmerkmal. Mehr gab es nur am 13. und 19. Spieltag.

Da Torwartpatzer selten alleine kommen, fiel auch der Ausgleich für Werder Bremen nach einem kapitalen Bock durch Torhüter Fährmann – natürlich im Anschluss an eine Standardsituation. Max Kruse, Bremens Garant für den Klassenerhalt, schaltete am schnellsten, nahm das Geschenk an und schoss den Ball ins Tor.

Dass besagter Fußballstil auch attraktive oder gar spannende Partien produzieren kann, haben die Bremer am 19. Spieltag bewiesen. Denn nur so gelang es ihnen, die Bayern auf ihr Niveau herunter zu holen und besser noch – das Spiel der Bayern (allein 30 Tore nach Offensiven Phasen) außer Kraft zu setzen. Für die Highlight-Momente sorgten dann Max Kruse mit einer virtuosen Torvorlage auf Jerome Gondorf. Dessen Schuss durch die Beine von Ulreich wurde vom Torhüter ungewollt ins eigene Tor zum 1:0 für Werder Bremen gelenkt (Zufallsfaktor). Und auch der Ausgleich fiel mit einem Zufallsfaktor, traf doch Niklas Süle nach einer Bremer Ecke ins eigene Tor. Am Ende konnten sich die Bayern jedoch mit einem Kraftakt und ihrer ligaüberragenden individuellen Klasse durchsetzen

Spielen kann nur einer – zeigt auch die Tabelle

Im Lauf des Artikels lässt sich Strohschein zu folgender Aussage hinreißen:  „Ausnahmen in dieser Hinsicht bilden in dieser Spielzeit eigentlich nur der FC Bayern, Bayer 04 Leverkusen und Borussia Dortmund, die aus einem Selbstanspruch heraus vor allem eingeninitiativ mit dem Ball agieren wollen.“ 

Bei read the game würden wir diesen Selbstanspruch lediglich dem FC Barcelona unbelegt zurechnen. Mit Abstrichen auch dem FC Bayern München. Strohschein bleibt seiner Behauptung jedoch jegliche Begründung schuldig. 

Sind es doch gerade die Leverkusener, die in der Bundesliga einerseits das erfolgreichste Team im Umschaltspiel sind (11 Tore). Anderseits gehörige Probleme damit haben gegen dicht formierte Abwehrreihen Tore im Rahmen einer Offensive Phase zu erzielen. In Mainz konnte erst ein Distanzschuss von Leon Bailey für eine Führung sorgen. Bei den defensiv noch stärkeren Freiburgern gelang gar kein Treffer.

Bei Borussia Dortmund hat man nach 2 sportlich guten Jahren in der Bundesliga einen Trainerwechsel erzwungen. Unter dem neuen Coach Peter Bosz und nun Peter Stöger gab es zwei Konstanten. Insgesamt 44 % der geschossenen Tore (20) hatten einen Zufallsfaktor, der entscheidend zum Torerfolg beitrug. Mit etwas mehr Pech, hätte also die Hinrunde weitaus schlechter ausfallen können. Ein herausragendes Beispiel dafür ist das Revier-Derby, bei dem bis auf den Götze-Treffer alle Tore einen Zufallsfaktor besaßen.

Leckerbissen entstehen nicht aus Standardware

Der FC Bayern München beherrscht hingegen zum Leid der Gegner und der Spannung in der Bundesliga sämtliche Disziplinen: 30 Treffer aus einer Offensiven Phase sowie 16 Tore nach Standards belegen die spielerische Vielfalt und werden untermauert, da lediglich 9 Tore einen Zufallsfaktor aufweisen. 

Auch in seinen besten Jahren war der BVB nie in der Position die Bayern spielerisch zu überragen. Was sie jedoch phasenweise zur Perfektion trieben, war das heute besprochene und nun verteufelte Pressing gemixt mit einem Maß an individueller Extraklasse in der Offensive. Reus, Lewandowski, Dembele, Barrios, Kagawa, Götze, Gündogan, Sahin und Co. sorgten in ihren besten Karrierephasen in Dortmund dafür, dass das ligaweit inzwischen praktizierte Pressing und Gegenpressing den Ball in die eigenen Reihen spülte und durch ihre Brillanz zu Toren en Mass führten. 

Die zweite Konstante, die den BVB seit der Ära Klopp begleitet und auch in dieser Saison wieder Spitzenwerte verursacht, ist die Perturbation. Eine Perturbation im Fußball ist eine Störung der Grundordnung durch eine gelungene Offensivaktion oder defensives Fehlverhalten, die zu einer torkritischen Situation führt (Hughes et al., 1998, S. 14-25). 

Zu Zeiten von Jürgen Klopp in Dortmund ging der Begriff des bewussten Fehlpasses durch die Medien. Jedoch greift die Fokussierung auf den Fehlpass das Thema zu kurz. Ist es doch vielmehr ein Stilmittel, das es dem BVB aber auch dem FC Bayern München ermöglicht gegen tief und defensiv agierende Gegner Räume für Torschüsse zu schaffen. 

Zwingend dafür nötig sind jedoch Spieler in der Offensive mit einer derart herausragenden Spielintelligenz sowie individuellen technischen Qualitäten in der Ballbehandlung. Nur mit ihnen ist es möglich entsprechende Situationen zu forcieren und antizipieren, sodass ein zeitlicher und räumlicher Vorsprung erarbeitet werden kann, der in der Folge zu torgefährlichen Abschlüssen führt. An besagtem 21. Spieltag fielen 35% der Tore (7/20) nach Perturbation. Lediglich am 14. Spieltag fielen anteilig mehr (48%). 

Solche Spieler für das eigene Team zu gewinnen, ist eine Herausforderung für den gesamten Verein (Scouting, Nachwuchsabteilung, Management) und nicht nur den aktuell amtierenden Trainer. Gelingt das nicht, ist es am Ende wirklich nur Pressing sowie Spielzerstörung des Gegners und wirklich nicht schön anzusehen. Herr Strohschein, da geben wir Ihnen Recht.