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25. Juni 2018 read the game

Wie knackt man die Bollwerke?

Kurzum: Entweder mit Standardsituationen oder mit Chaos und Zufall. Nach Standardsituationen landete der Ball bislang 37 Mal im Tor (44%). Insgesamt 32 Tore (38% aller Tore) fielen bislang bei der WM nach Chaos-Situationen oder mit Zufallsmerkmal. Es geht also um zwei Aspekte, die uns das Fußballspiel sowohl unerklärlich als auch faszinierend erscheinen lassen. Unsere Analyse handelt von Dingen, die nur schwer zu beeinflussen sind. Wie im Leben selbst. Doch der Reihe nach.

Am zweiten Spieltag der Weltmeisterschaft übten sich die Fußballfans in Genügsamkeit. Ein 2:1 der Schweiz gegen Serbien wurde als Spektakel gefeiert, das 3:0 der Kroaten gegen Argentinien stieg in Anbetracht der Ergebnis- und Ereignisarmut der anderen Spiele in der Wahrnehmung fast auf den Rang jenes fulminanten 7:1 vor 4 Jahren. Zum Glück ist der Gastgeber so treffsicher wie die letzten zwei Jahre nicht und die Belgier sowie Engländer zeigten wahrlich wahre Panzerknacker-Qualitäten. Und der Rest?

Beton statt Ballzauber

Fun Fact
Für Deutschland war es der erste Sieg bei der Weltmeisterschaft 2018 und erst der zweite Sieg einer Mannschaft überhaupt nach einem Rückstand. Die Schweiz hatte hier am Vortag vorgelegt.

Berechtigte Nachfrage: Wie viele der Torschüsse davon waren echte Hochkaräter und keine Verzweiflungstat aus der Distanz gegen die dichten Abwehrreihen? Gegen Schweden gingen 5 der 16 Schüsse auf das Tor: Darunter die 2 Tore und ein Kopfball von Mario Gomez. Zusätzlich gab es noch einen Pfostentreffer von Julian Brandt in der zweiten Halbzeit. Wie kann es also gelingen, diese schier unüberwindbaren Abwehrreihen öfter zu knacken? Oder anders gefragt: Wann klingelt es öfter?

Stand jetzt: Standards und Gebete

Ob nun der Weltmeister Deutschland, Europameister Portugal oder England – alle Top-Nationen eint, dass sie bisher die entscheidenden Treffer einer Partie per Standard erzielten. Bei England fielen sogar 6 der 8 Treffer nach ruhenden Bällen.

Doch gerade von den vermeintlichen Top-Favoriten mit ihrer individuellen Klasse erwarten die Trainer, aber auch die Fans, mehr im Umgang mit derartigen Bollwerken. Bislang fielen 85 Tore, davon 48 (56%) aus dem Spiel (davon 34 gegen formierte Abwehrreihen und 14 im Umschaltverhalten) und 37 (44%) aus Standards. Warum? Diese Standard-Situationen sind um ein gewichtiges Maß planbarer als das freie Spiel. Chaos und Zufall werden reduziert – nur 7 Standard-Tore waren von einem der beiden Phänomen beeinflusst.

Belgien: Der Geheimfavorit mit eigenem Stil

Aus dem Chaos ins Glück

Fun Fact
Irrwitzige Passstatistik: Argentinien kam beim 1:1 gegen Island auf 718 Pässe, Island genügten 189 Stück für den Punktgewinn.

 

Und darin liegt die Chance der großen Nationen. Sie werden auch zukünftig mehr Ballbesitz haben, sie müssen ihn nun jedoch dafür aufwenden, öfter für Risiko-Momente in den dichten Abwehrreihen zu sorgen und das damit verbundene Chaos für sich zu nutzen. Denn genau dann können sie ihre größere individuelle Klasse im Hinblick auf Reaktionsschnelligkeit und die Verwertung technisch anspruchsvoller Bälle ausspielen. In Spanien scheint ebenfalls nach zwei enttäuschenden Turnieren bereits die Evolution begonnen zu haben: Es fielen drei ihrer vier Turniertreffer nach einer Chaos-Phase.

Fun Fact
Einen Beleg für diesen Ansatz liefert die Bundesliga. Die Top 4 der Tabelle ist von den drei erfolgreichsten Teams in puncto Chaos belegt: Borussia Dortmund, FC Bayern München und die TSG Hoffenheim. Lediglich Schalke 04 ist in diesem Bereich weniger erfolgreich. Sie haben die fehlende individuelle Klasse über die ruhenden Bälle gelöst und sind mit 24 Toren nach Standards das erfolgreichste Team der Saison gewesen.

England spielt Doppelpass mit dem Zufall

 

Was verstehen wir unter Zufall?
In Bezug auf die erzielten Tore untersuchen wir, ob die Tore ein Zufallsmerkmal aufweisen. Dabei orientieren wir uns am Forschungsansatz von Prof. Dr. Martin Lames und seinem bereits vielfach genutzten Beobachtungssystem, wonach es sechs Kriterien gibt, die unplanbare Ereignisse beschreiben (vgl. http://rund-magazin.de/news/1501/29/Taktikbuch-Interview-Lames/):

– Der Torschuss wurde abgefälscht.

– Der Ball prallte unmittelbar vor dem Torerfolg unkontrolliert vom Torgestänge zu den Angreifern oder ging direkt hinein.

– Der Ball ging trotz einer starken Berührung durch den Torwart ins Netz.

– Die Abwehr half unfreiwillig mit, indem sie den Ball unmittelbar vor dem Tor an die Angreifer verlor oder selbst ins Tor schob.

– Das Tor fiel durch einen Schuss aus mehr als 25 Metern unter günstigen Umständen – etwa mit Sichtbehinderung des Torwarts, Aufsetzer oder Flatterball.

– Der Ball prallte vom Torgestänge direkt ins Tor.

La Grande Hybrid

Fazit

Der Fußball-Fan erlebt somit eine Genese des Bollwerk-Fußballs, da sich Fußball-Großmächte wie Frankreich und Europameister Portugal der Defensiv-Kultur der Fußballzwerge annehmen und sie mit der Extraklasse ihrer Individualisten garniert. Die Hoffnung, dass nach der Vorrunde ein anderer Fußball gespielt wird, da die “kleinen Gegner” raus sind, ist somit mit großer Wahrscheinlichkeit unbegründet. Stattdessen sollte man sich das EM-Finale 2016 ins Gedächtnis rufen – das gewann Portugal gegen Frankreich mit 3 Schüssen auf das Tor in 120 Minuten. Vielmehr beginnt das Duell der Spielphilosophien nun erst so richtig. Haben Deutschland und Spanien dieses Mal einen Plan oder ist wie bei der EM vorzeitig Feierabend, weil man die Bollwerke nicht zu überwinden weiß? Haben Belgien und England den Nationalmannschafts-Fußball bereits für sich weiter entwickelt? Lösungsansätze gab es auf dem Platz und einige hier im Text zu sehen.

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