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17. Juli 2018 read the game

Die TOP 5 Trends der WM

Bei der Weltmeisterschaft 2018 in Russland fielen 169 Tore und jedes erzählt seine eigene Geschichte. read the game hat alle Treffer einer Episodenanalyse unterzogen und so die Muster identifiziert, wie Mannschaften bei diesem Turnier vom Moment des Ballgewinns bis zum Torjubel gelangen. Welche Auffälligkeiten, Trends und Kuriositäten es zu betrachten gab, hat read the game zusammengefasst.

 

1. Tiki-Taka ist tot, der Ballbesitz nicht

Lange Ballstafetten, die den Gegner scheinbar hypnotisieren und dann zu Toren führen, sind zur Rarität verkommen. Lediglich 14 Tore bei der Weltmeisterschaft 2018 fielen im Rahmen eines Angriffs, der länger als 20 Sekunden dauert.

Das sind die 14 Tiki-Taka Tore der WM 2018

Südkorea 25 Sek – Anschlusstreffer 1:2 gegen Mexiko – Son

Schweiz 27 Sek – 2:1 Führung gegen Costa Rica – Drmic

Portugal 35 Sek- 1:0 Führung gegen den Iran – Quaresma

Tunesien 40 Sek – 1:1 Ausgleich gegen Panama – Ben Youssef

Japan 40 Sek – 1:1 Ausgleich gegen Senegal – Inui

Tunesien 52 Sek – 2:1 Führung gegen Panama – Khazri

Frankreich 22 Sek – 2:2 Ausgleich gegen Argentinien – Pavard

Uruguay 21 Sek – 1:0 Führung gegen Portugal – Cavani

Brasilien 24 Sek – 1:0 Führung gegen Mexiko – Neymar

Schweden 23 Sek – 1:0 Führung gegen Schweiz – Forsberg

Kroatien 25 Sek – 1:1 Ausgleich gegen England – Perisic

Belgien 38 Sek – 1:0 Führung gegen England – Meunier

Belgien 64 Sek – 2:0 gegen England – Hazard

Frankreich 31 Sek – 4:1 gegen Kroatien – Mbappé

Fun Fact
Das Tor mit der längsten Episodendauer der Tunesier war gleichzeitig auch der Treffer mit den meisten beteiligten Spielern: 20 Aktionen von 10 Spielern führten am Ende zum Torjubel.

Stattdessen gilt es im Angriff gegen eine formierte Abwehr direktere, mitunter risikoreichere Lösungen zu suchen, um in erster Instanz wieder mehr gefährlichen Torschüssen den Weg zu ebnen und in der Folge auch mehr Tore zu erzielen. Deutschland, Argentinien und auch Spanien hatten als prominenteste Teams die größten Probleme damit. Auf der Gegenseite ist es jedoch nicht überraschend, dass unter den 4 besten Mannschaften der Weltmeisterschaft 2018 jene 3 Nationen zu finden sind, die die meisten Tore in einer offensiven Phase schossen. Zudem sind zwei davon die erfolgreichsten Teams im Umschaltverhalten. Kurzum: Belgien und Kroatien hatten für fast jede Abwehr ihrer Gegner eine Lösung parat. Beide scheiterten lediglich am Weltmeister aus Frankreich.

 

England ist hier der vermeintliche Ausreißer: Trainer Southgate gelang es, das „spielerische Defizit“ im Mittelfeld erfolgreich über eine starke Fokussierung auf Standardsituationen zu lösen. Etwas ähnliches erlebten die Fans der Bundesliga bereits mit Schalke 04. Die Knappen waren unter ihrem neuen Trainer Tedesco das erfolgreichste Team nach Standards (24 Tore) in der abgelaufenen Bundesliga Saison und eroberten damit Platz 2. Beide Qualitäten auf sich zu vereinen, kann nicht jedes Team – dem Weltmeister gelang es jedoch. Das Finale ist dafür der beste Beleg: 2 Tore nach Standards, 2 nach im Rahmen einer Offensiven Phase.

2. Standards sind der neue Star

Von den 169 Toren der Weltmeisterschaft 2018 fielen 74 im Rahmen einer Standardsituation. Zum Vergleich: Bei der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien fielen nur ein Viertel der 171 Treffer  nach ruhenden Bällen. Das unterstreicht die gestiegene teamübergreifende Bedeutung der Standards. Für viele ist es auch schlicht das effizienteste Mittel, um gegen die tiefstehenden Gegner Torgefahr zu schaffen. Von den 74 Standardtoren der Weltmeisterschaft 2018 führten 30 Stück zu einer 1:0-Führung, 7 Mal erzielte ein Team die 2:1 Führung. Zum Ausgleich führten 20 der 74 Standardtore. Spätes Glück: 17 Standardtore fielen erst in der Crunchtime (75. Minute bis Abpfiff).

Die Bedeutung der Standards im Turnierverlauf

 
Fun Fact
Bei der Weltmeisterschaft 2018 fielen bisher 22 Elfmetertore, 26 Tore nach einem Freistoß sowie 23 Tore nach einem Eckstoß. Nach der Vorrunde war die Trefferzahl gleich verteilt: Jeweils 18 Treffer gab es in den unterschiedlichen Standardsituationen.

Die Stars der Standardsituationen

Die einen Spieler legen die Bälle auf, die anderen vollstrecken. read the game zeigt, wer sich bisher besonders als Vorlagengeber oder als Torschütze nach ruhenden Bällen hervortat. Auffällig: Seit dem Achtelfinale fielen 17 Tore nach Standards, 11 Mal war ein Verteidiger der Torschütze. Zudem gab es 2 Eigentore nach einer Standardsituation.
 

 

3. Belgien schaltete am Besten um

25 der 169 Tore bei der Weltmeisterschaft 2018 fielen nach perfektem Umschaltverhalten. Der erste Schritt dabei ist die Balleroberung: Am häufigsten geschah dies im zentraldefensiven Mittelfeld (6x), im zentralen Mittelfeld (5x) und im linken defensiven Mittelfeld (4x). Hauptursachen für den Ballbesitzwechsel waren ein Fehlpass vom Gegner (10x) oder ein Zweikampf (9x).

Fun Fact
Belgien ist mit 16 Treffern das torgefährlichste Team der Weltmeisterschaft, 5 der Treffer fielen im Umschaltverhalten. Damit liegt man vor Kroatien (3) sowie Mexiko und Brasilien mit jeweils 2 Treffern. Im Halbfinale setzten die Franzosen wie zu erwarten genau hier an und boten mit ihrer defensiven Spielweise nur wenig Raum für Belgiens gefährliches Umschaltspiel.

Insgesamt schossen die Mannschaften bei der Weltmeisterschaft 2018 im Umschaltverhalten 8 Mal ein 1:0. Zudem diente das Umschalten ebenso dem Ausbau einer Führung zu einem 2:0 (7x) oder 3:0 (3x). Aber auch ein 2:1 konnte dank eines Umschaltverhaltens dreimal erzielt werden. Des Weiteren fiel einmal das 1:1, einmal das 4:1 und einmal das 3:2 im Umschaltverhalten.

4. Jede Menge Action in der Crunchtime

Begibt sich die Partie ab der 75. Minute auf die Zielgerade, schalten die meisten Teams keinesfalls einen Gang zurück. Vielmehr geben sie nochmal richtig Gas. Von den 169 Toren bei der Weltmeisterschaft fielen 37 Stück in der Crunchtime, davon 19 Stück sogar erst in der Nachspielzeit. Auffällig: 37 % der Tore in der Nachspielzeit weisen mindestens ein Zufallsmerkmal auf. Könnte im Umkehrschluss bedeuten, dass damit der Mut der angreifenden Mannschaft belohnt wurde, die das Risiko in den Schlusssekunden nicht scheute und mit aller Macht noch einmal in den Strafraum zog. Dass dann zwar nicht immer alles glatt, aber dennoch erfolgreich laufen kann, belegen die Zahlen. Am häufigsten fielen die Tore nach Standards (17), Offensiven Phasen (13) und im Umschaltverhalten (7). Erfolgreichster Crunchtime-Torjäger ist bis jetzt der Südkoreaner Heung-Min Son mit seinen 2 späten Treffern gegen Mexiko und Deutschland.

Fun Fact

5. Fight the System – mit Chaos & Zufall

Wir haben insbesondere an den ersten Spieltagen der Weltmeisterschaft imposante Abwehrbollwerke erlebt. Es entbrannte schnell eine Diskussion über die Mauertaktiken. Viel mehr müsste sich jedoch der Blick auf die großen Nationen richten, wie sie diese Bollwerke erfolgreicher knacken können.

 

Chaos

 

Zufall

 

Diese Spieler findet man in der aktuellen deutschen Nationalmannschaft nicht oder sie wurden im Turnier nicht richtig in Szene gesetzt, sodass das Ausscheiden in der Vorrunde trotz vermeintlich starker Ballbesitz-Quoten sowie sagenhafter Passstatistiken nur konsequent war.

Oder um es mit Pep Guardiola zu sagen: “If every player plays like a jazz musician, it will be chaos.” Sein Mantra ist, dass es 2 Typen Spieler auf dem Feld benötigt: Die einen, die die Ordnung des Spiels herstellen und die anderen kreativen Typen, die Chaos beim Gegner verursachen und daraus Tore erzielen.

Was verstehen wir unter Zufall?
In Bezug auf die erzielten Tore untersuchen wir, ob die Tore ein Zufallsmerkmal aufweisen. Dabei orientieren wir uns am Forschungsansatz von Prof. Dr. Martin Lames und seinem bereits vielfach genutzten Beobachtungssystem, wonach es sechs Kriterien gibt, die unplanbare Ereignisse beschreiben (vgl. http://rund-magazin.de/news/1501/29/Taktikbuch-Interview-Lames/):

1. Der Torschuss wurde abgefälscht.
2. Der Ball prallte unmittelbar vor dem Torerfolg unkontrolliert vom Torgestänge zu den Angreifern oder ging direkt hinein.
3. Der Ball ging trotz einer starken Berührung durch den Torwart ins Netz.
4. Die Abwehr half unfreiwillig mit, indem sie den Ball unmittelbar vor dem Tor an die Angreifer verlor oder selbst ins Tor schob.
5. Das Tor fiel durch einen Schuss aus mehr als 25 Metern unter günstigen Umständen – etwa mit Sichtbehinderung des Torwarts, Aufsetzer oder Flatterball.
6. Der Ball prallte vom Torgestänge direkt ins Tor.