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22. April 2020 read the game

Gib mich die Kirsche – Wie kickt die Bundesliga nach Corona?

Ab Anfang Mai soll der Ball endlich wieder in der Bundesliga rollen. Doch nicht nur die fehlenden Zuschauer werden einen Einfluss auf das Spielgeschehen haben. Denn die Mannschaften trainieren zwar wieder, oftmals sind aber nur zwei bis vier Mann gleichzeitig auf dem Platz aktiv – mit erforderlichen Sicherheitsabstand. Spielnah ist das nicht. Daher werden sich laut der Expertenmeinung von Martin Lames, Lehrstuhl für Trainingswissenschaft und Sportinformatik an der TU München, eine ganze Reihe von technischen und taktischen Fehlern auf dem Platz ergeben. Zugleich schätzt er, dass die Spezialisten in den Kadern noch ausschlaggebender für den Erfolg sein werden als zuvor. Wir analysieren, welche Teams daraus besonders viel Erfolg ziehen könnten.

Standardkönige und Umschalt-Asse sind Trumpf

„Nimm du ihn, ich hab ihn sicher“ könnte in den ersten Partien nach der Corona-Virus-Pause der Bundesliga die Parole in so manchen Abwehrreihen lauten. Denn durch die Unterbrechung und die beschränkten Trainingsmöglichkeiten lässt sich nur schwer an den genauen Abläufen in den verschiedenen Mannschaftsteilen feilen.

Daher wird es vermutlich zu einer höheren Anzahl von technischen und taktischen Fehlern bei den Einzelspielern als auch in der Kleingruppe kommen. Das könnte vor allem Teams in die Karten spielen, die in der laufenden Saison bereits besonders viele Torerfolge nach einem Umschaltverhalten sowie Standards hatten. Insgesamt wurden bis zum 26. Spieltag 725 Tore erzielt. Davon 219 Stück (30,2%) im Umschaltverhalten, 211 Treffer (29,1%) nach einem ruhenden Ball. Hauptsächlich fielen die Tore jedoch (295 Tore/ 40,7%) im Rahmen einer Offensiven Phase. Steht dieses Verhältnis nun auf der Kippe und wenn ja mit welchen Folgen?

Wird Dortmund noch Meister und stürmt Köln in die Europa League?

Borussia Dortmund könnte zu den Gewinnern nach der Wiederaufnahme des Spielbetriebs gehören. Läuft es tatsächlich daraus hinaus, dass Teams vermehrt im Umschaltverhalten zum Erfolg kommen, kann das der BVB bereits jetzt zu seinen Spitzenqualitäten zählen. Kein Team der Bundesliga schoss in dieser Saison mehr Tore im Umschaltverhalten (22 Stück). Dahinter reihen sich die anderen Top-Vereine ein: Leipzig, Gladbach, Leverkusen und der FC Bayern München.

Diesbezüglich auf Augenhöhe mit den drei Letztgenannten ist der 1. FC Köln. Die 16 Treffer im Umschaltverhalten machen beim Effzeh sogar knapp 42 % der gesamten Saisontreffer aus. Zwölf der 16 Treffer wurden seit dem Amtsantritt Gisdols am zwölften Spieltag erzielt. Einer der offensiven Erfolgsfaktoren, warum die Kölner sich unter seiner Anleitung aus dem Tabellenkeller verabschieden und nun bei fünf Punkten Rückstand auf Platz sechs sogar Richtung Europa schielen können.

UMSCHALTSPIEL.002

Für einen Top-Wert sorgt der 1. FC Union Berlin in einem anderen Detail. Bei den Köpenickern wird im Umschaltverhalten kräftig Gas gegeben. Im Schnitt benötigen die Aufsteiger aus Berlin lediglich 5,1 Sekunden nach Erlangung der Ballkontrolle, um den Ball im Netz unterzubringen. Die Bayern und Dortmunder mehr als doppelte so lange.

Der BVB hat mehr Asse als Ärmel

Am Ende müssen es die Spieler auf dem Platz richten. Und laut Expertenmeinung dürfte es dann mehr denn je auf die Top-Spieler in den Kadern ankommen. Jene Akteure, die aufgrund ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten, schneller und besser Spielszenen für sich entscheiden können. Fußball ist zwar immer noch ein Mannschaftssport, aber für die Entscheidung sorgen mehr denn je die Einzel-Könner. Ergo: Gib mich die Kirsche und geht alle aus dem Weg!

Aber wer sind die Top-Spieler der Bundesliga und wer davon sind die Spezialisten im Umschaltverhalten? Im Top-20 Ranking der Bundesliga-Spieler mit den Tor-Beteiligungen im Umschaltverhalten finden sich natürlich auch die Stars der Bundesliga. Auffällig: Borussia Dortmund hat nicht nur höchste Zahl von erzielten Toren im Umschaltverhalten, sondern auch die meisten Spieler (6) im Top-20-Ranking – vor allem prominent in der Spitze. Der nominell beste Akteur ist Timo Werner von RB Leipzig. Der Stürmer war bis dato an 15 Toren im Umschaltverhalten (rechte Spalte in der Grafik) mit insgesamt 17 Aktionen (linke Spalte) beteiligt.

Top20

Hierbei werden aber auch die Unterschiede sichtbar: Werner ist bei Leipzig mehrheitlich als Torjäger im Umschaltverhalten unterwegs (11 Tore) während es bei den Dortmunder Akteuren ein fast gleiches Verhältnis aus Abschlüssen und Vorbereitung ist. Und dazu gesellt sich seit dem 18. Spieltag auch noch Erling Haaland als Experte für den Abschluss. Heißt im Umkehrschluss, dass bei einer gesteigerten Bedeutung von Toren im Umschaltverhalten, Leipzig deutlich abhängiger von Einzelakteur Werner ist als der BVB mit seinen Umschalt-Stars. Den gesunden Mix bringen in München Lewandowski und Müller auf den Platz. Zu wenig aber, um den Spitzenplatz zu verteidigen? Dass die Kölner und Augsburger sich berechtigte Hoffnungen auf Erfolg machen können, unterstreicht auch die Position ihrer Umschalt-Stars Niederlechner und Córdoba im Ranking.

Drei Ecken, ein Sieger

Standards sollen nach Wiederaufnahme des Spielbetriebs ebenfalls an Bedeutung gewinnen. Insgesamt liegt der Anteil von Toren nach ruhenden Bällen in der Bundesliga bei knapp 29 %. Das ist der geringste Anteil im Vergleich zu Toren aus offensiven Phasen und Treffern im Umschaltverhalten. Es gab jedoch bis zur Unterbrechung bereits Mannschaften, die individuell deutlich größere Erfolge bei Standardsituationen feierten als andere Teams bzw. Treffer nach Standards deutlich mehr Einfluss auf den Erfolg eines Clubs haben als anderswo.

Standards-Gesamt.001

Dieses Phänomen ist nicht neu. International betrachtet, ist jedem noch der Erfolg der Engländer bei der Weltmeisterschaft 2018 im Bewusstsein. Das Team um Harry Kane schaffte es bis ins Halbfinale und wurde schlussendlich Vierter. Das beste Ergebnis einer englischen Fußball Nationalmannschaft seit dem Titelgewinn 1966. Das Geheimnis des Erfolgs: Standards. Neun der zwölf Turniertreffer wurden nach ruhenden Bällen erzielt. Im gesamten Turnier fielen 74 der 169 Tore (44%) im Anschluss an einen Standard. Vier Jahre zuvor lag der Wert in Brasilien bei 25 %.

In der Saison 2019/20 sind der 1. FC Köln und RB Leipzig bisher die erfolgreichsten Team bei ruhenden Bällen. Auch hier scheint der Trainerwechsel in Köln gefruchtet zu haben, erzielte das Team von Markus Gisdol doch 13 der 17 Treffer seit seiner Amtsübernahme. Gepaart mit der Stärke im Umschaltverhalten, spricht viel dafür, dass die Kölner in der Tabelle noch weiter nach oben marschieren könnten.

Spieler & Zufall.003

Häufen sich die Abstimmungsprobleme in der Abwehr aufgrund fehlenden Mannschaftstrainings wird auch interessant zu beobachten sein, ob Teams wie der 1. FC Union Berlin deutlich zügiger den Klassenerhalt feiern können. Haben sie doch den besten Vorlagengeber (Trimmel / 7 Assists) und den besten Torjäger (Andersson/ 7 Tore) nach Standards in ihren Reihen. Zudem wird Borussia Dortmund mit seiner individuellen Qualität mehr Kapital aus ruhenden Bällen schlagen müssen, um im Titelkampf zu bleiben.

Fazit

Unabhängig, wann der Ball wieder in der Bundesliga rollt, der Fußball könnte zumindest in den ersten Wochen große Unterschiede zu dem aufweisen, was wir vorher erlebten. Das gilt für alle Mannschaften und jeden Spieler. Wer dabei gestärkt hervortreten wird, wissen wir auch nicht, haben in diesem Beitrag aber aufgezeigt, wer dafür prädestiniert wäre.